Eine Givebox, bitte!
Der eine legt etwas hinein, ein anderer nimmt es heraus – ganz ohne Gegenleistung. Das Prinzip der Givebox ist schnell erklärt. Bis sie aber steht, sind gute Nerven, eine gehörige Portion Glück und ein Bürgermeister auf Facebook nötig. Ein Mitstreiter berichtet.
Montagabend, noch ein Tag bis zur Eröffnung. Die Givebox muss nur noch in die Siegener Innenstadt transportiert werden. Doch trotz aller Bemühungen lässt sie nicht auf den organisierten Kran-LKW verladen. Resignation macht sich breit. Die Eröffnung verschieben? Stirbt die ganze Idee?
Dass genau in diesem Moment eine fremde Person vorbei kommt und allen Ernstes fragt, ob hier zufällig ein Gabelstabler gebraucht würde, ist eine dieser Randnotizen des Projekts, über die man noch in Jahren sprechen wird. Weil sie so unglaublich und symbolisch zu gleich sind.
Doch zurück auf Anfang.
Eine wetterfeste Hütte, kaum größer als eine Telefonzelle, gefüllt mit Geschenken – mitten in der Stadt. Das ist eine Givebox. In ihr kann jeder Dinge ablegen, die er verschenken möchte. Schuhe, Bücher, MP3-Player oder auch eine Saftpresse: Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, solch eine Box zu füllen. Lediglich heil müssen die Dinge sein und durch die Öffnung passen.
„Das Konzept fördert Nachhaltigkeit, schont Ressourcen, stärkt die Nachbarschaft, hilft anderen Menschen, befreit von Krempel und schafft ein neues Bewusstsein jenseits von klassischem Konsum und Besitz“, schreiben die Initiatoren aus Berlin und vergessen das vielleicht wichtigste: Es macht Spaß!
Geht sowas in Siegen?
In dieser etwas zu provinziell geratenen Großstadt, deren geographische Lage wir Fremden gerne mit „irgendwo zwischen Köln, Dortmund und Frankfurt“ erklären? Es ist eine der ersten Fragen, die im Raum steht, als wir auf einem Webstammtisch Ende November letzten Jahres über eine Givebox in Siegen sprechen.
Zugegeben, die Vorreiter aus den hippen Millionenstädten wie Berlin und Hamburg versprühen einen Flair, der es unmöglich erscheinen lässt, dass coole Projekte dort nicht angenommen werden. Und Siegen? Scheiß auf die Zweifel, wir probieren es!
Von der Idee bis zur Eröffnung vergehen schon mal ein paar Monate. Wenn die Planung aber im November beginnt und die Givebox vor Weihnachten eröffnet werden soll, müssen die Zähne zusammengebissen werden und alle mit anpacken.
„Alle“ ist ein gutes Stichwort. Wer nicht gerade ein arbeitsloser Leonardo Da Vinci ist und technische Zeichnung, Aufbau, Kommunikation und Marketing gleichermaßen beherrscht, braucht Hilfe. Ein Team von fünf bis zehn Leute, mit verschiedenen Stärken, ist optimal. Denn so wichtig und schön gemeinnützige Arbeit ist, Familie und Freunde gibt es auch noch und der Vermieter hält im Zweifelsfall nicht so viel von Nächstenliebe.
Facebook und der Bürgermeister
Der Platz ist ausgesucht, die Box fast fertig und die Genehmigung, ja, was ist eigentlich mit der Genehmigung? Klar, Planung auf Aufbau bereiten deutlich mehr Freude als Bürokratie – zunächst sollte aber trotzdem die Stadt mit ins Boot geholt werden. Denn kaum etwas ist schlimmer als eine schöne, funktionierende Givebox wieder abbauen zu müssen. Wer im Sekretariat nur vertröstet wird, sollte mal recherchieren, ob der Bürgermeister nicht auch ein Facebook-Profil hat.
Hat die Stadt ihren Segen erteilt, sind die Lokalmedien der nächste Schritt. Moderne, bildstarke Nachbarschaftshilfe, von der Stadt unterstützt – gibt es passendere Lokalthemen? Anregungen für die richtigen Formulierungen finden sich auf dem Infoflyer oder direkt auf der Givebox-Facebookpage.
Das wird nix. Von wegen!
Wenn die Nachbarn anfangen, Fragen zur Givebox zu stellen, weil’s im Radio kam und in der Zeitung steht, wird es Zeit, sie auch zu bauen. Wer keinen Konstrukteur zur Seite hat, der einen Bauplan skizziert, kann auf das Modell „Kollwi“ zurückgreifen. Das nötige Material (Spanplatten, Balken und Latten) gibt’s im Baumarkt, zweihundert Euro sollten eingeplant werden.
Eine der größten Herausforderungen beim Bau der Givebox ist es, die „Das-wird-alles-nix“-Momente zu überstehen. Sind zum Beispiel alle Platten und Balken besorgt und wollen unterm Carport zersägt und verschraubt werden, kann es passieren, dass der Platz nicht ausreicht. So geschehen in Siegen. Doch bevor das Team in Lethargie verfiel, wurden alle Kontakte aktiviert – mit Erfolg: Urplötzlich stand ein leerstehendes Bahnhofsgebäude bereit.
Geschenke raus, es geht los
In der Woche vor Weihnachten, genau 30 Tage nachdem die Idee ihren Ursprung fand, wird die von einem Streetart-Künstler besprayte Givebox in der Siegener Oberstadt eingeweiht. Knapp 40 Leute stehen um die kleine Hütte herum, die ersten Geschenke stehen schon in den Regalen – und selbst der Bürgermeister spendet einen Jute-Beutel.
Wenige Tage später ist im Gästebuch zu lesen, dass dank der Givebox für ein Paar nun doch Weihnachten stattfindet. Mission „Welt besser machen“ fürs Erste geschafft. Ja, „so etwas geht auch in Siegen“ – wie in jeder Stadt. Wer sich immer wieder fragt, ob in seiner Gegend etwas möglich sei, vergeudet Zeit, es auszuprobieren.
In Siegen, meiner hippen Rubensstadt, die der Künstler ein ganzes Jahr seines Lebens sein Zuhause nannte, ist das nächste Projekt schon ins Auge gefasst.
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