Upcycling downtown! Wiederbelebungs-Trends für 10 Wohnbereiche

Autor // Daniela Riess
Posted in // Wohnen
Date // 14 Nov 2011

Re-, Up-, oder Downcyclen? Was sonst das Zeitliche segnet oder auf dem Sperrmüll landet, kommt lieber zurück unter Hammer, Kleber, Schere & Co. Dabei können Ressourcen gespart und gleichzeitig kreative Ideen wach geküsst werden. Das alles vermeidet wachsende Müllberge durch einen Endloskreislauf von Konsum und Entsorgung und schafft Wohnraum-Ideen mit Überraschungseffekt. 10mal Müllaufwertung für 10mal Wohnraumwechseln – Dinge mit Vorgeschichte.

Tease me

Aha! Upcycling als Antwort auf Überkonsum, Kleiderberge oder wachsende Müllhalten. Nicht nur für die nord-westlichen Hemisphären. Längst arbeiten Projekte in sogenannten „Entwicklungsländern“ vermehrt mit dem Gedanken des Wiederverwertens, um zum einen bereits vorhandenes Material in neue Zusammenhänge zu bringen und dabei Müllentstehung zu vermeiden. Die gute Nachricht: Upcycling kann direkt hinter der eigenen Haustür beginnen und dies haben mittlerweile nicht nur Designer in ihre Arbeit aufgenommen, sondern auch die Kunstwelt entdeckt vermehrt die Bedeutung von Zerstörung und Wiederaufbau. Nicht umsonst heißt das Leitmotiv der kommenden Weltkunstausstellung dOCUMENTA (13) 2012 in Kassel: „Collapse and Recovery“. Das lässt uns ahnen: Was wir sehen und fühlen, was in unserer Wohnung steht oder in der Galerie von nebenan, sagt mehr über unser Zusammenleben aus, als wir auf den ersten Blick ahnen. Die Soziotopien also! Vielleicht auch wandelbar.

Wiederverwertung von Verfallsprodukten, statt immer währender Wiederkonsum – das schafft Tiefenstruktur: „Im Design jagt ein ,Trend‘ den nächsten. Wohntrends sind dabei nur die Oberflächenerscheinungen tiefer liegender gesellschaftlicher Entwicklungen. Sie sind die optische Manifestation von Sehnsüchten und Bedürfnissen.“ (via Trendbüro)

Es werde Licht!

Schnell die Milchtüte leer getrunken und ab in den Müll? Gleich neben die Orangensaft-Tetratüte? Naja. Wenn wir Glück haben, kommen die platt gepresst zurück auf den Tisch. Oder eben an die Decke. Und dies ganz ohne Müllabfuhr und Recyclingkreislauf! Nimm die Schere, ein Teppichmesser und schau beim Designer Ed Chew, ein Partner bei Yanko Design, vorbei! Die TetraBox Lamp bringt mehr Licht auf den Esstisch, als eine Milchtüte dies je für möglich gehalten hätte. Gefaltet wird im Hexagon und Pentagon. Aber mit Patent!

Hell wird es auch, wenn der Energiefluss einmal versagt haben sollte – bei deinem alten Mac zum Beispiel. Wenn der eine neue Beschäftigung braucht, geht‘s ab ins Aquarium und schon kann er sich um die Erleuchtung kümmern.

Das kann auch das Reifenset aus dem letzten Winter. Ganz ohne Profil. Was die mit Beleuchtung zu tun haben? Eine ganze Menge. Wir schauen am Besten mal bei der südafrikanischen Künstlerin Roché van den Berg vorbei, die kunstvolle Lampen, aber auch Spiegel, Rauminstallationen und Möbel aus Autoreifen gestaltet, welche das Thema Nachhaltigkeit im Erleuchtungsprozess gleichsam mit reflektieren.

Und damit ist noch lange nicht Schluss und wir fragen: Ass oder Königin? Wer hat nicht schon einmal beim Zocken geschwitzt und eine bestimmte Spielkarten herbei gewünscht? Ein Ass im Ärmel oder um die Lampe! Das hat sich auch der Grafiker und Designer Nick Sayers gedacht. Und: es wurde sehr hell – beim Anknipsen der wirklich außergewöhnlichen Lampe aus alten Spielkarten.

Platz da!

Wenn jeder von uns im Schnitt zwei Tassen Kaffe am Tag trinkt, kommen recht schnell einige Tonnen Kaffee-Satz-Abfall zusammen. Na, wunderbar! Das macht tonnenweise Sitzmöglichkeiten. Aus recycelten Tischabfällen? Warum nicht! Eine Handvoll britischer Designer der non-profit Vereinigung re-worked wollte den eigentlich unnütz gedachten Relikten vom Muckefuck eine Funktion geben und entwickelte das Kaffee-Satz-Produkt der Sonderklasse. Also: Funktion folgt der Form? Und denkt Bauhaus vielleicht ein wenig weiter?

Nicht schwer vorzustellen, dass der Einfall für diese Stühle beim Espresso kam. Da setz’ ich einen drauf! Oder einen daneben. Beispielsweise auf den Stuhl aus alten Zeitungen von Tal Gur. Statt Bäume abholzen, lieber die ungelesenen Nachrichten von vorgestern absitzen. Auf dem Daily Chair – jeden Tag.

Wem die Nachrichten oder der Kaffeesatz zu wichtig sind, kann sich auch auf Stühle aus reinem, wiederverarbeitetem Plastik konzentrieren. Zum Beispiel aus alten Kühlschränken oder sonstigem Plastikhaltigen. Nehmen wir Platz. Auf dem Endless Chair des Designers Dirk van der Koij.

Endless from Dirk Vander Kooij on Vimeo.

Verspieltes

Es gibt sie immer noch, die Puzzle aus 50, 100 oder gar 5000 Teilen. Wer sich beim Zusammenstecken von veralteten Neuschwansteinschlössern, Hundewelpen oder Pferdekoppeln neben dem Eifelturm langweilt: Warum nicht mal Draufstapeln statt Zusammenpuzzeln? Mit ausreichend Klebmasse und räumlichem Geschick kann auch die Lücke vor der Couch gefüllt werden – zum Beispiel mit dem Puzzletisch Missing Pieces von Rupert Mc Kelvie. Der Künstler mit Spaß am Auseinander-Ineinander-Umeinander-Falten und Zusammenbauen.

Da sind wir doch hier richtig, im Spielzimmer? Hier darf der größte Wunsch aller Kindertage nicht fehlen: ein Versteck! „Eine Höhle sollten wir haben, eine Höhle!“ Na, dann reingeschlüpft und raus geguckt. Darf es heute die Autoreifenhöhle oder das Schilderhaus sein? Wer nicht zuerst wieder rauskommt, darf auch mit den Spielzeugautos aus wiederauferstandenen Plastikflaschen von Martine Camillieri spielen. Nicht nur was für Jungs! Also, willst du lieber das Graffiti-Mobil, den Gärtnerei-Transporter oder den Krankenwagen? Ach, so, doch den Eifelturm aus Oldschool-Plastik!

Objekte aller Art für Nützlichkeit aller Bedarfe gefällig? Das ist doch gar nicht so schwer! MAKEDO macht es vor:

how to makedo – extended version from MAKEDO on Vimeo.

Couch mich mal!

Rauf auf die Mülltonne oder den gemütlichen  Pulfpos unter den Hintern! Altkleider können so gemütlich sein! Das dachte sich auch Francisca Roselló, Industrial-Design-Studentin in Santiago/Chile, die sich an der Initiative „30 Tage, 30 Dinge“ beteiligte und den Pulfpos kreiert hat und damit alten Industrieabfällen aus der Textilbranche neuen Lebenssinn gibt. Die Pulfpos zurechtgerückt – die lassen sich nämlich biegen und in Form bringen – und jetzt mal so richtig entspannt chillen!

Da fehlen nur noch die Lego Headphones mit der Anleitung zum Selbstbau, genauso wie die Lieblingsmusik auf die Ohren! Also: Augen zu, zurück gelehnt im Renault-Sessel und losgeträumt. Für den schnellen Griff zum Drink zwischendurch empfehlen wir den Waschtrommel-Tisch. Er lässt sich mit integrierter Beleuchtung bauen und sogar mit stylischer Glasplatte aus den ausgewechselten Fenstern von Übervorgestern. Ruhig auch von Nachbars Sperrmüll. Dort hat auch die Wohnraum-Stylistin Linus Mork die alte Tür gefunden, aus der ein Couchtisch entstand. Auf Rollen und ungeschminkt im Morbid-Look. Die Positionen lässt sich schnell wechseln und dazu gibt‘s vielfältige Funktionen: als Sitzgelegenheit mit Kissen, als Besucherbett, als Beistelltisch. Die Alternative zum Altetürtisch? Voilà, der Rolltisch aus recyceltem Glas! Wir empfehlen darunter gern den Teppich aus Jeans der Vorgängergeneration und schauen mal bei Ecouterre rein.

Wer zu viele T-Shirts zur Verfügung hat, macht sich nichts draus, sondern knotet die Reste zu einem schicken Teppich von XOELLE. Das wärmt die Füße und sieht knuddelig aus. Die Lektüre für das vollkommene Entspannungsglück verstaut sich gut in der alten Apfel- oder Kartoffelkisten aus Großmutters Zeiten. Oder vom Supermarkt nebenan.

Appetizer

In der Küche sind uns wiederverwendungsfreundlichen Menschen keine Grenzen gesetzt. Selbst ein frisch demontierter Teil vom Gartenzaun lässt sich leicht unter die Decke hängen und mit allerlei Rührlöffeln drapieren. Oder die alten Stahlplatten vom Schrott als schicke Wandverkleidung? Rostig darf und soll es ruhig sein. Imprägniert wird das alles mit Bienenwachs. Gegen Ablagerungen aller Art.

Beim Geschirr sind wir mal wieder auf’s Papier gekommen. Es gibt davon ja noch so einiges in der Altpapiertonne und es eignet sich wunderbar für das Töpfern ganz ohne Ton – nur mit einer Handvoll Sand vom nahegelegenem Sandkasten.

Das ganze Geschirr lässt sich dann leicht in den Regalen aus alten Obst- oder Weinkisten unterbringen. Oder in der umfunktionierten, alten Werkbank. Ein wenig poliert und mit Naturfarbe lackiert: schon ist Platz für Allerlei!

Gewürze, Nüsse und andere Zutaten tummeln sich gern im alten Joghurtglas, eingehängt in das umfunktionierte Brett, was noch im Keller lag. Drei Einbuchtungen rein gesägt und losgehangen! Gläser mögen’s auch gern auf dem Kopf: Das bietet der umfunktionierte Garten-Rechen allemal. So lassen sich Gläser wunderbar platzsparend arrangieren. Wer gern mehr verstauen möchte, kann sich ruhig mal nach einer alten Tanksäule umschauen.

Wem zu viele Gabeln ins Haus gekommen sind, kann diese rücklings drehen und auf’s nächstegelegene Brett nageln. Das bringt Trockenplatz für allerlei Glas- oder Flaschengedöns. Oder die Gabel flux gebogen und so lässt sie sich gut um die Stoffservietten aus den alten Bettlaken schlingen.

Küchenkräuter werden direkt vom Esstisch aus gepflückt. Einmal die Hand ausgestreckt, am alten Spielzeugauto gezogen, welches mit Hilfe des Flaschenzugs die Kräutertheke näher bringt. So könnte eine Kombination der Glasvasen-Terrarium-Lampe der tschechischen Designerin Krystyna Pojerova mit der Lampen-Bedienungshilfe des Kommunikationsdesigners Johannes Kühn aussehen.

Noch mehr Re- Up- und Downcycle Projekte gibt es im zweiten Teil von Upcycling Downtown.

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Daniela Riess

Daniela Rieß, multimedialinguale Vielseiterin. Autorin, Texterin, (Online-)Journalistin, Medienpädagogin, Kommunikations- & Social-Media-Beraterin, dabei auch Dozentin und Trainerin; an der Schwelle zwischen Journalismus, Bildung, Kunst & Kultur, Wissenschaft und dem freien Markt, mit starker Netzaffinität für alle Lebenslagen. Mag Nachhaltigkeit und Sozialgedanken. Im Netz als spellartist unterwegs, medienmobil und nicht selten mit der Linse vor den Augenbrauen zu sehen. Wegen der auf jeden Fall zu erwähnenden Leidenschaft Fotografie. Ansonsten gern dabei lyrisch zu performen, wenn möglich mit verschiedenen Medien. Liest zudem mit Freuden aus dem 2011 veröffentlichten Lyrikband “gegen Rotampeltage”, bloggt und filmt mit Schülern, Erwachsenen, Kindern & Co gern zu den Themen “Literatur”, “Kultur”, “Klima”, “Internet” oder anderem. Lebt und arbeitet in Kassel & manchmal auch anderorts.

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