Die Fahrradkommune

Autor // Günther Mulder
Posted in // Bike
Date // 02 Nov 2011

Fahrradverleihsysteme sind ein Trend in Städten weltweit: zugleich ein Geschäft und ein Beispiel für soziales und nachhaltiges Wirtschaften – und ein unerwarteter Gradmesser für unsere Gesellschaft.

Hängt die Fahrräder

Velib – die befreiten Fahrräder: Unter diesem optimistischen Namen startete am 15. Juli 2007 der französische Werbekonzern JCDecaux in Paris sein Fahrradverleihsystem. Nach einem Jahr waren von den ursprünglich 7000 Fahrrädern 3000 gestohlen worden. Man fand sie an Straßenlampen aufgeknüpft, in die Seine geworfen oder in die Fremdenlegion der Fahrräder zwangsverpflichtet in weit von Paris entfernte Orte wie Brasov und Bukarest in Rumänien oder in Containern, die nach Nordafrika verschifft werden sollten. JCDecaux, die zuvor in Lyon mit ihrem Velo’v Fahrradverleihsystem keine solchen Vandalismusprobleme hatten, ließen sich davon nicht beeindrucken: Bis 2009 wurden insgesamt 20.600 Fahrräder aufgestellt (von denen 16.000 wegen Vandalismus und Diebstahls repariert oder ersetzt werden mussten). Der Kampf um die Freiheit der Fahrräder, so scheint es, geht weiter.

The Tragedy of the Commons

Der ungewöhnlich hohe Verlust durch Vandalismus wurde von den Velib-Kritikern als Musterbeispiel für die Tragödie der Allmende, auch Tragedy of the Commons, angeführt. Ökonomen bezeichnen damit folgendes Phänomen: Wird eine frei verfügbare, aber grundsätzlich begrenzte Ressource von allen unreguliert und nur nach Maßgabe des Eigeninteresses ausgenutzt, dann wird die limitierte Ressource bis zur Neige ausgebeutet – auch wenn das dem langfristigen Interesse aller widerspricht, weil dann irgendwann für alle nichts mehr da ist.
Nimmt man den Fischbestand der Weltmeere als Beispiel, so heißt das: Jeder fischt soviel wie er kann, bis es keine Fische mehr gibt. Dass diese Tragödie Realität ist, zeigt die Überfischung der Weltmeere. Für unsere Fahrräder bedeutet das vor allem: Was uns nicht gehört, ist nichts wert. Aber ist das wirklich der Grund, warum in Paris Fahrräder gehängt werden?

Autonome Fahrräder

Ryan Rzepecki ist anderer Meinung: Er sagt, Paris hat „class issues“ – also Klassenkonflikte. Rzepecki ist einer der Gründer von Social Bicyles – kurz SoBi  – in New York. Die Firma hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Leihfahrräder von den bisher obligatorischen Verleihstationen zu befreien. SoBi Fahrräder sollen autonom sein, mit eigenem, solarstromgespeistem Buchungs- und Schloßsystem, das man über eine Smartphoneapp entsperren kann.

Anfangs fühlte sich die Idee ganz simpel an: Pack einfach ein bisschen Mobiltechnologie ins Fahrrad, und Hey presto! hat man das autonome Verleihfahrrad SoBi. Drei Jahre später ist aus der einfachen Idee ein komplexes Projekt geworden, mit drei Softwareebenen, die online alles steuern, und Fahrrädern, die sich natürlich auch mit Vandalismus auseinandersetzen müssen.

Zwar hat das Rad ein ziemlich gutes Schloß und ist mit dem eingebauten GPS jederzeit auffindbar, aber: selbst das beste Schloß kann geknackt werden. Also soll auch Communityarbeit die Welt für die Fahrräder etwas sicherer machen. Wenn die Leute das Gefühl haben, das System gehört ihnen, schützen sie es auch vor Übergriffen. Offenheit für Feedback der Nutzer soll dabei helfen. Die Nutzungsdaten will man ebenfalls der Öffentlichkeit und den Stadtplanern zugänglich machen.

Vor kurzem haben Social Bicycles ihr erstes SoBi-Fahrrad von ihrem taiwanesischen Hersteller bekommen. Und ab Sommer 2012 soll das Projekt auf die Straßen von New York gebracht werden – genauso wie das folgende, kommunales Projekt bei uns hier in Good Old Germany.

Think global, drive local

Seit August 2011 ist in Mainz MVGmeinRad in der Testphase: Ein Projekt, für das die Mainzer Verkehrsgesellschaft 2009 den Förderpreis des Bundeswettbewerbs „Innovative öffentlichte Fahrradvermietsysteme“ gewonnen hat.

Projektleiterin Tina Smolders, die schon vor Heirat und Job als erfolgreiche Radrennfahrerin ein besonderes Verhältnis zum Velo pflegte, macht deutlich, was das Projekt von anderen abhebt. Da sind zum einen natürlich die Fahrrädern: Die von Nick Lobnitz entworfenen Paper Bicycles, die von der schweizer Firma Velobility für den Einsatz als Verleihfahrräder hergestellt werden, kommen bereits in der Testphase sehr gut an. Neben der stufenlosen Schaltung der NuVinci Nabe bekommen die Räder ein besonderes Gepäckträgersystem und eine unverwechselbare Nase: mit ihr kuppeln die Räder über ein System aus Kugel und Feder an die Verleihstationen an. Auf diese Weise soll ein Schlag gegen das Fahrrad nicht den Rahmen schädigen, sondern über die Kupplung abgefedert werden.

Die Verleihstationen sind ihrerseits solarstrombetrieben und können daher kurzfristig und flexibel auf und wieder abgebaut werden – weil sie keinen Anschluss ans Stromnetz brauchen. Zusammen mit dem für eine Stadt wie Mainz beträchtlichen geplanten Umfang von 120 Stationen mit 1000 Fahrrädern auf 200.000 Einwohner ergibt das ein besonderes Konzept. Die Idee, so Tina Smolders, ist nämlich, den bestehenden öffentlichen Nahverkehr gezielt durch Verleihfahrräder zu ergänzen. Wenn der Bus gerade nicht fährt, oder man sein Einkäufe spontan lieber doch auf dem Fahrrad nach Hause bringt, dann sollen die Fahrräder von MVGmeinRad bereit stehen.

Diese Idee, die es den Mainzern möglichst einfach machen soll, abgasarm durch ihre Stadt zu kommen, erfordert komplexe Planung: Verkehrsströme müssen von Verkehrsplanern analysiert, Wegbeziehungen und Pendlerwege erforscht werden. Und anschließend gilt es, das ausgeklügelte Stationssystem durch Verteilungsfahrten so auszugleichen, dass überall ausreichend Fahrräder stehen.

So ein System muss, wenn es für die Mainzer ist, auch mit den Mainzern ausgestaltet werden. Dafür stehen der kommunale Betrieb ebenso wie die Offenheit für das Feedback der Nutzer – wofür unter anderem ein eigenes Webportal geplant ist. Sicher auch ein Grund, warum Vandalismus bis auf eine Ausnahme kein wirkliches Thema war. So setzt das Projekt schon ganz pragmatisch Ideen um, die anderwärts publikumswirksam mit bunten Vorträgen, Büchern und Webseiten unters Volk gebracht werden…

Mesh the Collaborative Consumption

Denn natürlich gibt es schon eine Bewegung zum Thema – oder eigentlich zwei. Lisa Gansky propagiert mit The Mesh gleich eine „neue Art, sein Geschäft zu betreiben“. Mesh-Firmen, so Gansky, nutzen Daten und Social Networks um Menschen so miteinander zu verbinden, dass sie ihre Dinge und Dienstleistungen ganz einfach miteinander teilen können: damit jeder Zugang zu dem hat, was er braucht, ohne es besitzen zu müssen. Natürlich gibt es dazu ein Buch und ihren TED-talk kann man sich auch anschauen.

Rachel Botsman hat dafür den Begriff des Collaborative Consumption geprägt, auch zu haben als Buch und TED-talk. Ihre Mission: Teilen soll hip und cool werden und so einen Weg weisen aus der Falle des verschwenderischen Hyperkonsums. Sie – oder ihre Bewegung – beschreibt die explosive Ausbreitung traditionellen teilens, tauschens, leihens, mietens, leihens und schenkens, das neu erfunden wurde durch die neuen, vernetzenden Technologien.

Beide Frauen propagieren ein System der Reputation und des Vertrauens unter gleichen, werfen aber soziale Fragen eher auf, als sie zu beantworten. Denn die Offenheit des Teilens wird nicht immer von allen positiv aufgenommen – vor allem, wenn sie nur scheinbar ist – wie das Beispiel der Pariser Velib zeigt. Hier hat der Soziologe Bruno Marzloff nämlich eine Form sozialen Protests ausgemacht. Die ganzen zerstörten Fahrräder, berichtet er der New York Times, das sei eine Revolte der oft armen und sozial ausgeschlossenen Pariser der Vororte gegen die „Bobo“, die trendige bourgeoise Bohème des glamourösen Paris, für die das Fahrradverleihsystem gemacht sei.

Was aber zu tun ist, damit nicht weiter Fahrräder gehängt und Autos angezündet werden, weil Teile der Gesellschaft sich ausgeschlossen fühlen – darüber kann man ja mal bei einem Fahrradausflug auf dem Leihfahrrad nachdenken.

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Günther Mulder

Günther Mulder macht in Interaction Design, User Experience Design und Text. Das tut er als Freelancer und bei newscookie.com. Ausserdem schreibt er über Sachen, die er interessant findet - und andere hoffentlich auch. Er lebt in Mainz und is Nullfünfer. Erreichen kann man ihn über gmulder.de.

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