Grüner Luxus – Urban Gardening zwischen Berlin und Mumbai
Urbane Landwirtschaft zwischen Erleben und Überleben: Im Westen gärtnert man fürs Wohlbefinden, in Schwellen- und Entwicklungsländern, um den Magen zu füllen.
Ökologisch, sozial – und extrem chillig.
So ungefähr würde wohl sein Slogan lauten, hätte der Berliner Prinzessinnengarten denn einen. Die urbanen Gärtner rund um die Gründer Robert Shaw und Marco Clausen haben hehre Ziele, wenn sie auf der sechs Hektar großen Kreuzberger Brachfläche Tomaten pflanzen und Salat gießen.
Ökologisch wollen sie sein, säen und ernten ohne chemischen Dünger, wissen, was drin ist halt. Sozial ist ihr Projekt ebenso: Der Prinzessinnengarten steht allen Menschen offen, kostet keinen Eintritt und soll Jung und Alt, Arm und Reich sowie Dagebliebene und Zugezogene zusammenbringen.
Ein „Bildungsgarten“ ist er auch. Kinder, Jugendliche und Erwachsene können hier über alte Obstsorten genau so viel lernen wie über die Arbeit der Bienen und die grundlegendste aller Fragen für den städtischen Neubauern: Wie geht das eigentlich mit dem Grünzeug?
Feldarbeit für die Toskana-Fraktion?
Trotz des guten Zwecks kommt jedoch eines nicht zu kurz: Das Vergnügen. “Abends sitzen wir inmitten unseres frisch bestellten urbanen Ackers, die Sonne geht hinter den Wohnblöcken der Nachbarschaft unter, die Flüsterpappeln rauschen über uns, der Duft reifer Tomaten und frischer Kräuter liegt in der Luft, wir essen die soeben geernteten Früchte unserer Arbeit und plaudern mit Nachbarn und Freunden”, so heißt es auf der Website des Prinzessinnengartens. Gemüse anbauen für Genießer also. Feldarbeit für die Toskana-Fraktion?
Fakt ist, dass für urbane Gärtner in westlichen Breitengraden neben Nachhaltigkeit, gesundem Essen und sozialem Miteinander der Genuss eine große Rolle spielt. Die fünf Sinne pflanzen mit. Gärten sollen Grün in den städtischen Betondschungel bringen, das Essen soll wieder nach etwas schmecken, und das Feierabendbier trinkt sich gemeinsam mit anderen auch angenehmer als alleine auf dem Balkon.

Genauso wie die Strickbewegung oder der Basteltrend ist auch das urbane Gärtnern Ausdruck der aktuellen Wohlfühl- und Do-it-yourself-Mentalität, die zwei Maximen hat: Machen wir es selbst. Und: Machen wir es schöner! Grün, gerecht, gesund, aber bitte mit Spaß.
Idealismus schließt Hedonismus nicht aus. Beides muss man sich jedoch erstmal leisten können. Urbane Gärten werden meist von jenen gegründet oder betrieben, die ausreichend Zeit und Geld haben, an das Schöne im Leben zu denken. Sich sein Gemüse selbst zu ziehen, wo es doch auch im nächsten Supermarkt genug davon gibt und zwar bezahlbar, ist Luxus.
Überleben statt Lifestyle
Dass urbanes Gärtnern aber auch ganz essentiell sein kann, zeigen die Schwellen- und Entwicklungsländer. Zwar gärtnert man auch hier aus ästhetischen Gründen; und ‘Guerilla Gardening Mumbai’ hat längst eine eigene facebook-Seite. Große Teile der Bevölkerung sind jedoch aufgrund ihrer Armut und ihrer schlechten Ernährungslage auf das Obst und Gemüse von den Beeten vor ihrer Haustür angewiesen.
Ob hier überhaupt noch vom ‘Gärtnern’ gesprochen werden kann, darf angezweifelt werden. Den substantiellen Charakter der Selbstversorgung trifft der Begriff der urbanen Landwirtschaft sicher besser.

Im Zentrum steht der Nutzen, nicht die Schönheit. Für die Menschen ist die Ernte mitten aus der Stadt oft die einzige Möglichkeit, satt zu werden. Die Art des Gärtnerns könnte durchaus als ‘Guerilla Gardening’ bezeichnet werden, jedoch nicht aus Lust an der Subversion wie im Westen, sondern aus purer Not. In den armen Ländern sind die Menschen darauf angewiesen, die nicht funktionierenden Infrastrukturen und sozialen Systeme zu unterlaufen. Anders können sie nicht überleben.
So dienen der eigene Hinterhof, Straßenränder und Uferböschungen als öffentliche Gärten. Diesen Minifeldern fehlt jedoch mehr und mehr der Platz. Mit dem wachsenden Urbanisierungsgrad vor allem in den sogenannten Boomstaaten wie Indien oder Brasilien werden Freiflächen knapp.
Wo die Slums den schicken Wohntürmen der neuen Mittelschicht Platz machen müssen und die Städte nach westlichem Vorbild durchgeplant werden, wo jeder Quadratmeter plötzlich ein Vermögen wert ist, gibt es keinen Freiraum für unkoordiniertes, von unten gepflanztes, demokratisches Grün. Wenn aber die Selbstversorgung nicht mehr funktioniert, ist Hunger programmiert.
Denn Geld, die durch die Verknappung teurer werdenden Lebensmittel zu kaufen, haben die Betroffenen nicht. Selbst dort, wo der Anbau von Obst und Gemüse weiterhin betrieben werden kann, kämpfen die Menschen mit den Nebenprodukten der Industrialisierung: Verschmutztes Wasser, kontaminierte Böden und schlechte Luft belasten die Lebensmittel stark. Vom Anspruch gesunder Selbstversorgung sind die Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern daher weit entfernt.
Dabei wird urban horticulture der einzige Weg sein, die wachsende Bevölkerung zukünftig ernähren zu können. Der Weltgemeinschaft wird nichts anderes übrig bleiben, als den Ärmsten unter uns städtisches oder stadtnahes Land zur Verfügung zu stellen, um ihre Ernährung zu gewährleisten.
Viele der Bauern in den Entwicklungsländern pflanzen ihr Gemüse übrigens bereits in Plastiktüten. Die sparen Platz und können schnell umziehen. Ganz wie im Prinzessinnengarten, der aus transportablen Kisten und Milchtüten besteht. Eins eint offenbar urbane Gärtner hier wie dort: Wenn die Immobilienhaie kommen, ist man schnell weg. Fragt sich nur, ob man Beton essen kann.
Schlagwörter // Guerilla Gardening, Prinzessinengarten, urban gardening, urban horticulture, urbane Gärten






Kommentare (1)
[...] Dank städtischem Gärtnern erstrahlen Betonwüsten in bunten Farben, man weiß wieder, was man tatsächlich isst und wie es angebaut wird. Kurz: Urban Gardening ist in. Dass es aber auch eine andere Seite gibt, zeigen die Schwellen- und Entwicklungsländer. Hier sind große Teile der Bevölkerung auf das an der Straße angepflanzte Obst und Gemüse angewiesen. Susan Rößner schreibt über den grünen Luxus zwischen Berlin und Mumbai. [...]